Ein Impuls von Prof. a.D. Dr. Bernd Beuscher zu Christi Himmelfahrt.
Die Weltraumfahrt boomt und Fernsehn Gucken alias Astronomie erfreut sich als Hobby stark wachsender Beliebtheit. Die Entwicklung verlief rasend schnell. Auf Youtube kann man sich aus dem Jahre 1902 den Zehn-Minuten-Stummfilm „Die Reise zum Mond“ von Georges Melies anschauen, eine alberne Groteske mit froschhüpfenden Mondbewohnern, die von uns Erdlingen einfach plattgekloppt werden. Keine dreißig Jahre später wurde es mit Fritz Langs „Frau im Mond“ dann als Science Fiction dramatisch seriös. Heute starten wöchentlich Missionen ins All. Alle wollen in den Himmel kommen. In Richtung Mond herrscht zurzeit Hochbetrieb. Auf Youtube können wir live innerhalb und außerhalb der Raketenkapseln dabei sein. Bisher haben zwölf Menschen den Mond betreten.
Der Kosmos hat es in sich. Die Wissenschaftsfeuilletons faszinieren mit schillernden Begriffen, flimmernden Bildern und sirrenden Sounds aus fernsten Welten, die unvorstellbar groß sind. Zur Zeit Tilman Riemenschneiders und Albrecht Dürers um 1500 n.Chr. kannte man nichts Fliegendes außer Vögeln und Insekten. Die Libelle konnte sogar schweben und in der Luft stehen, weswegen sie ein wichtiges Symboltier für Christus war. So malten und schnitzten die Künstler auf Wolken stehende Christusfiguren, die am Feiertag in flackerndem Kerzenschein, Weihrauchnebel und Orgelbrausen abhoben, indem sie von kräftigen Messdienerzauberhänden zu einem sternengesprenkelten Chorscheitel-Himmelszelt in die Apsis hochgezogen wurden. Ob in Wissenschaft, Theologie oder Kunst: Damals wie heute läuft die ganze Show darauf hinaus, dass wir damit leben müssen, dass das Wesentliche entzogen ist und unverfügbar, dass wir manisch erklären, was wir panisch nicht verstehen. „Meine Ehrfurcht erträgt den glitzernden Spott der Sterne“ heißt es bei Botho Strauß. „Wer wird denn gleich in die Luft gehen?“
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Erinnert sei an eine smarte moderne Himmelfahrtsversion, nämlich an den Film „E.T. – Der Außerirdische“ von 1982. E.T. kommt dort in einem Schuppen zur Welt, dessen Besitzerin eine alleinerziehende Mutter namens Mary ist. Steven Spielberg inszeniert hier Himmelfahrt mit einem Kinderbike. Nicht schlecht. Von E.T., diesem kosmosfrommen Alieneremiten alias Christus, konnten wir dort lernen, dass Beten Nach-Hause-telefonieren ist.
Seit wir inzwischen schon mehrfach hinterm Mond waren, ist die Bedeutung der entsprechenden Redewendung („Du lebst ja hinterm Mond“) ins Gegenteil umgeschlagen. Früher mussten die Menschen den Erzählungen der Weisen glauben, dass wir alle im freien Sündenfall transzendental obdachlos durchs All driften. Heute können wir es mit eigenen Augen sehen und miterleben.
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Gerade ist ja wieder einmal ein Raumschiff zurückgekehrt. Die Astronautin Christina Koch antwortete in einer Pressekonferenz auf die Frage „What is different about a crew than a team?“ Zunächst erzählte sie, dass sie nicht der Anblick „of tiny earth“ umgehauen habe (an den wir uns als Foto gewöhnt haben), sondern „it was all the blackness around it“, die große schwarze Leere, in der wir schweben. Und dann kommt sie auf den Punkt: „There is one new thing I know, and that is: Planet Earth: You are a crew.“ Alle waren begeistert und sehr ergriffen. Doch wovon eigentlich? Wir werden auf diese Frage Pfingsten noch einmal zurückkommen.
Aber muss nicht wer „Crew“ sagt auch „Mission“ sagen? Wenn der Planet Erde ein Raumschiff ist (Koch sagte „a lifeboat“!) und unsere Spezies die Crew, wie lautet denn die Mission? Gibt es ein Kontrollzentrum? Das hatte sich schon um 1850 der dänische Philosoph Sören Kierkegaard gefragt. Offensichtlich muss man gar nicht erst hinter den Mond fliegen, um nicht hinterm Mond zu sein. Kierkegaard protestierte:
„Wo bin ich? Was will das besagen: die Welt? Was bedeutet dies Wort? Wer hat mich in das Ganze hineingenarrt und lässt mich nun dastehen? Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen; warum bin ich nicht gefragt worden, warum nicht mir Bräuchen und Regeln bekannt gemacht worden, sondern ins Glied gesteckt, als sei ich von einem Seelenverkooper gekauft? Wie bin ich Interessent in jener großen Enterprise geworden, die man die Wirklichkeit nennt? Warum soll ich Interessent sein? Ist das nicht freigestellt? Und soll ich es notwendig sein, wo ist denn der Verhandlungsleiter, ich habe eine Bemerkung zu machen?“1
Last not least: Himmelfahrt ist keine Flucht in Abgehobenheit. Erst mit der Himmelfahrt ist Gott ganz zur Welt gekommen. Nun sind wir als Stellvertreter, als Christen dran: Christus in uns und wir in Christus. Christus war nicht moralisch motiviert. Christus war nicht moralisch unterwegs, sondern sympathisch.
Ich wünsche Ihnen eine besinnliche Himmelfahrt. Bleiben Sie seelisch bodenständig.