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Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz

Dr. Frank Vogelsang weiß um die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz (KI). Er warnt vor Hysterie. „Meist wurde das Neue in der Zeit, in der es neu war, überschätzt.“ Der Mensch sei immer noch das Maß aller Dinge, sagte Vogelsang. Der Leiter der Evangelischen Akademie im Rheinland mit Sitz in Bonn-Beuel war Gastredner beim Schulpolitischen Aschermittwoch, im Haus der Evangelischen Kirche. Das Schulreferat und das Pfarramt für Berufskollegs haben bereits zum 24. Mal diese Veranstaltung organisiert, die anstrebt, als kritischer Zwischenruf zu schulpolitischen Fragen und deren Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft verstanden zu werden. Die Schulleitungen sowie Vertreterinnen und Vertreter der Schulämter und Bezirksregierungen folgten gerne der Einladung des Evangelischen Kirchenverbandes.

Markus Zimmermann, stellvertretender Stadtsuperintendent des Evangelischen Kirchenverbandes Köln und Region sowie Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Köln-Nord, hat zuvor die Schulleiter und Schulleiterinnen begrüßt: „Wir leben in Zeiten mit vielfältigen Veränderungen.“ Er nannte beispielhaft die Krise der Volksparteien, die Demokratie und die sinkenden Kirchenmitgliederzahlen. „Und die technischen Herausforderungen durch die KI sind gigantisch.“

Experte Dr. Frank Vogelsang (l.) teilt mit Superintendent Markus Zimmermann Einblicke in die spannende Zukunft von KI

Vogelsang warf einen Blick zurück. Der Begriff KI wurde bereits am 13. Juli 1956 geprägt auf einer Konferenz von Computerwissenschaftlern am Dartmouth College in New Hampshire. Die Fragestellungen damals: Wie kann es gelingen, dass Maschinen eigenständig eine Sprache nutzen, dass sie eigenständig Probleme lösen? Wie also können Maschinen so gebaut werden, dass sie sich verhalten wie Menschen? „Der Traum von der künstlichen, der von Menschen geschaffenen Intelligenz ist schon sehr alt“, sagte Vogelsang und erinnerte an die Sage von Rabbi Löw, der den Golem geschaffen habe, an die Aufregung um die Figur des schachspielenden Türken, die Geschichte von Frankenstein und in Science-Fiction-Romanen bevölkerten künstliche von Menschen geschaffene Wesen die Zukunftswelten.

Wahr sei aber auch: Die Lebenswelten vor allem der jungen Menschen veränderten sich sehr schnell. „Wer wird in Zukunft noch gebraucht? Die technischen und gesellschaftlichen Veränderungen verunsichern.“  Entscheidend sei, dass man das menschliche Maß nicht aus den Augen verliere, sagte Vogelsang, Naturwissenschaftler und Theologe. In den 60er Jahren habe man erkennen müssen, dass man mit den damaligen Mitteln keine sehr komplexen Computersysteme bauen konnte. Das habe sich seit den 90er Jahren dramatisch verändert. „Nun war es tatsächlich möglich, digitale Systeme zu programmieren, die sich verhielten wie komplexere neuronale Netze und atemberaubende Ergebnisse erzielen.“

Zusammenspiel verschiedener Wissenschaften

Heutzutage sei die KI geprägt vom Zusammenspiel verschiedener Wissenschaften. Als da wären die Kognitionswissenschaften, die Informationswissenschaften und die Robotik. Entscheidend für die KI sei der Zugriff auf sehr große Datenbestände, um künstliche neuronale Netzwerke mit dem menschlichen Gehirn als Vorbild zu schaffen. Es gebe keine Algorithmen, die sich immer wiederholten, keine Routinen. Es gebe hochspezifische Aufgaben, die die KI besser und vor allem schneller löse als ein Mensch.

Wenn man die Multiplikation zweier zehnstelliger Zahlen betrachte, sei ein Taschenrechner für drei Euro dem Menschen auch himmelhoch überlegen. „Solche übermenschlichen Fähigkeiten regen mich nicht auf“, sagte Vogelsang und nannte ein Beispiel: Ein Gepard sei beim Laufen deutlich schneller als der Mensch. Ein Affe könne schneller auf Bäume klettern und ein Delphin schneller schwimmen. Wenn aber die Aufgabe laute: Laufe 100 Meter, schwimme 50 Meter und klettere dann auf einen Baum, seien die Tiere gegenüber dem Menschen chancenlos. Und: „Die KI fährt nicht mit dem Fahrrad nach Hause und geht dann einkaufen.“

Generell hat Vogelsang nicht den Eindruck, dass die Menschen überholt würden. Bei einem Experiment der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen sollte eine autonom rollende Maschine den Weg von der Uni zum Aachener Dom selbstständig zurücklegen. Als überraschend eine Mülltonne auf dem Gehsteig stand, musste die Maschine eine halbe Stunde „nachdenken“, bevor sie die Tonne umkurvte. Die KI sei abhängig von den großen Datenmengen. Mit der Fallzahl 1 könne sie nicht umgehen.

Anders als der Mensch: Wenn er ein gefährliches Tier auf sich zulaufen sehe, ergreife er die Flucht. Oder wenn ein Kind in einen Kanal falle, gebe es kein langes Überlegen. Die KI sei eine gesellschaftliche und ethische Herausforderung in nie erlebter Stärke. Sie werde an der Lösung vieler Probleme einen sehr großen Anteil haben, etwa die Angebote im ÖPNV verbessern. Ein Problem seien personifizierte Daten, die es zu schützen gelte – etwa die bei Krankenkassen hinterlegten oder bei der Gesichtserkennung. Da sei die Europäische Union aber sehr restriktiv unterwegs.

Texte, Musik und Bilder in Zukunft maßgeblich von KI erstellt

Was den Arbeitsmarkt angehe, so Vogelsang, würden Berufe wie das Schreiben von Gebrauchstexten nicht überleben. „KI ist ein technischer Fortschritt, die viele besser Ausgebildete als Konkurrenz wahrnehmen. Zum Beispiel Juristen. Wir werden erleben, dass Texte, Musik und Bilder maßgeblich von KI erstellt werden. Was ist dann mit den Rechten?“ Problematisch könne auch die Kommunikation werden, etwa in den sozialen Netzwerken. „Was ist echt, was nicht? Wer schreibt, wer setzt ein Like?“ Man werde vielleicht irgendwann nur noch kommunizieren, wenn man das Gegenüber persönlich kenne.

Richtig sei auch: Bisher seien im Silicon Valley von Google, Facebook und Apple Innovationen entwickelt worden, die man der Masse zur Verfügung gestellt habe. „KI macht die Zentrale mächtig.“ Und: „Wenn sich eine Maschine intelligent verhält, ist sie intelligent.“ Und weiter: „Ja, Roboter können gehen. Aber sie brauchen dafür ein ganzes Rechenzentrum.“ Markus Zimmermann, der für Bildung und Schule im Kirchenverband zuständige Superintendent, zog ein Fazit: „Die KI ist ein Instrument. Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Wer ist denn dem Menschen ein wirkliches Gegenüber? Es ist Gott, der uns erfindet. Und wir Menschen sollten nie vergessen, dass wir uns brauchen.“

Text und Foto: Stefan Rahmann