„Verliere niemals die Hoffnung“ – der „Hoffnungsschrank“ von Marie Veit

„Verliere niemals die Hoffnung“ – der „Hoffnungsschrank“ von Marie Veit

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Im August wäre die engagierte Kölner Theologin Dr. Marie Veit 100 Jahre alt geworden. Von 1972 bis 1989 bekleidete die gebürtige Marburgerin eine Professur für Didaktik der Religionswissenschaften an der Universität Gießen. Davor unterrichtete die 2004 in Köln verstorbene Veit 25 Jahre Evangelische Religion am Hildegardis-Lyzeum für Mädchen/ Hildegard-von-Bingen-Gymnasium. Ebendort haben Schüler:innen nun über die ehemalige Religionspädagogin ihrer Lehranstalt gearbeitet – und die Ausstellung „Hoffnungsschrank“  realisiert. Dafür griffen sie eine von Veits besonderen Ideen auf.

Wie kam es dazu? Dr. Gottfried Orth, bis 2019 Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik, hat in diesem Jahr eine Biographie über die bemerkenswerte, gleichwohl selbst in der Fachwelt vernachlässigte Theologin vorgelegt. Orth kontaktierte Dr. Martin Bock, Leiter der Kölner Melanchthon-Akademie, zwecks eines gemeinsamen Projekts über Veit. Bock wiederum bezog in Person von Schulreferent Thomas vom Scheidt das Evangelische Schulreferat mit ein.

„Zum 100. Geburtstag von Marie Veit müssen wir was machen“, waren die drei sich einig. So konzipierte man unter anderem einen Spaziergang zu authentischen oder symbolischen Orten in Veits Leben und Wirken in Köln. Überdies stieß Thomas vom Scheidts Initiative für ein Schüler:innen-Projekt zu Veit bei den drei Lehrerinnen für Evangelische Religion am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium auf offene Ohren.

Nicht nur die Religionspädagoginnen Sigrun Brock (unterrichtet zudem Kunst), Julia Gofferjé (zudem Spanisch, Englisch) und Kristina Heß (zudem Deutsch) waren angetan von der Idee. Die Schüler:innen offenbar auch. Jahrgangsübergreifend befassten sie sich in den ersten zwei Wochen nach den Sommerferien im Religionsunterricht mit der Person Marie Veit und ihrem Hoffnungsmöbel. Dieses ist dank Zeitzeuginnen, insbesondere durch das Gedicht „Das tägliche Brot der Ermutigung“ ihrer berühmten Schülerin Dorothee Sölle überliefert.

„Wir ehren eine ehemals an dieser Schule unterrichtende Kollegin“, sprach Brock zur Ausstellungseröffnung. Marie Veit habe sich überlegt, wie sie den Schüler:innen in der bedrückenden Zeit nach dem Krieg Hoffnung geben, Mut machen und sie stärken könne. So habe sie den Hoffnungsschrank eingeführt. In ihm seien schöne Nachrichten gesammelt worden. Ein solcher Schrank sei „genau das, was wir jetzt auch brauchen angesichts der Pandemie, der Flutkatastrophe“ und anderen schrecklichen Geschehnissen in der Welt. „Es ist das erste kleine Fest, das wir seit langem haben“, freute sich Brock im Gespräch. Durchgeführt habe man das Projekt „überwiegend im Präsenzunterricht“, betonte sie. Aber auch in Quarantäne befindliche Schüler:innen hätten dazu beigetragen.

„Kinder sind die Zukunft“

Unter den zahlreichen einfallsreichen Arbeiten auf den sechs Stellwänden im Foyer der Schulaula finden sich immer wieder Gedanken und Assoziationen der Schüler und Schülerinnen zum Thema, prägnante Hoffnungssätze und kurze Mutmachtexte. Wir lesen biblische Hoffnungs-Texte und Presseartikeln entnommene „Schlagzeilen“: „Alle für einen“, „Kinder sind die Zukunft“, „Zurück zu alten Freiheiten“, „Jeden Tag geschehen Wunder“, „Verliere niemals die Hoffnung“. Auch zahlreiche ermutigende Fotografien wurden Printmedien entnommen. Und mindestens so viele bunte Motive haben die Teilnehmenden selbst gezeichnet und gemalt. Der Begriff Hoffnung ist in viele Sprachen übersetzt. Ein 15-teiliges interaktives Hoffnungspuzzle mit Begriffen wie Glück, Familie und Liebe, Zukunft, Freunde und Leuchten fordert auf, es immer wieder neu zusammenzusetzen. „Gute Nachrichten aus aller Welt“ verbreiten die Schöpfer:innen einer symbolisch grün gestalteten Weltkarte. Sie hält interessante Informationen zu einzelnen Ländern bereit. So darf man staunen, dass in den Niederlanden der weltweit längste Solar-Radweg viele Haushalte mit nachhaltigem Strom versorgt. Und dass in Russland Frauen „350 neue ´Männer-Berufe´ ausüben“ dürfen. Wer möchte, darf sich aus einem Umschlag mit Witzen bedienen. „Witze machen glücklich“, begründen Kaitlyn und Heydi (7. Jahrgang) ihr pfiffiges Angebot.

„Wir sind sehr beeindruckt, was ihr hier auf die Beine gestellt habt, kreativ, kraftvoll und bunt. Marie Veit wäre sicher sehr erfreut und stolz auf euch“, begrüßte im weiteren Verlauf Thomas vom Scheidt Schüler:innen in der Aula zum Gespräch mit dem Veit-Biographen Gottfried Orth. Veit sei eine Lehrerin der Hoffnung gewesen, mit vielen Verdiensten um ihre Schule und Schüler:innen. Mit der heutigen Fragestunde wolle man eine Tradition Veits fortführen. Bevor die Angesprochenen zu Wort kamen, erklärte Orth, dass ihn beim Buchprojekt auch gereizt habe, dass diese große Theologin in Vergessenheit geraten und wiederzuentdecken sei. „Es gibt praktisch keine Literatur über sie.“

Als er seine Idee theologischen Verlagen angeboten habe, hätten diese mit dem abschätzigen Schlagwort „Ladenhüter“ abgewinkt. Dann sei er beim Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster gelandet. Mit seinem Verlag Edition ITP-Kompass ziele es auf die Veröffentlichung befreiungstheologischer Forschungen. „Sie seien groß geworden mit Veit, haben Mitarbeitende gesagt – und wir machen das Buch.“ Aber es kam noch besser. Die Münsteraner verlegten nicht nur Orths ersten werk-biographischen Band, sondern auch den zweiten, der alle Texte Veits von 1972 bis 2000 umfasst.

Ja, von Veit könnten nicht nur Religionspädago:innen sicher viel lernen, erwiderte der Autor auf eine entsprechende Frage. Sie habe in einer anderen Zeit unterrichtet, gab er zu bedenken. Damals sei es etwas Besonderes gewesen, wenn Schülerinnen bei Problemen zu ihr nach Hause hätten kommen können, erinnerte Orth. Der enge Kontakt zu ihnen habe sich mit Veits Einstellung gedeckt, jede einzelne Schülerin so ernst zu ernst zu nehmen wie sie jeden Erwachsenen ernst genommen habe. Von den Lehrerinnen habe Veit gefordert, dass insgesamt die Lernbedingungen für die Schülerinnen verbessert würden. „Das gehörte für Veit zum Job dazu.“

Bibelbezogenes Konzept vom Religionsunterricht

Veit habe ein bibelbezogenes Konzept vom Religionsunterricht verfolgt, informierte Orth. Den damals gängigen problemorientierten Religionsunterricht habe sie für ergänzungsbedürftig gehalten. Dieser sei zwar eine tolle Sache, habe sie gesagt, aber wir müssten schwerpunktmäßig das unterrichten, was in keinem anderen Fach gemacht werde, nämlich auch von der Bibel und Luther erzählen. Mit der Bibel läge uns ein tolles Buch vor. Mit auch widersprüchlichen Erzählungen, Gedichten aus dem Leben. Dabei habe Veit das weitergeben wollen, was sie selbst im Christentum, was sie bereits seit ihrer Schulzeit aus dem Neuen Testament erfahren habe. Darin habe sie viele Verheißungen und einen Zuversichts-Trost gefunden, der sie „Mut zum eigenen Leben fassen ließ“, so Orth. „Ihre Erfahrungen mit biblischen Texten wollte sie weitergeben, auf das die Schülerinnen mutige, eigenständige, selbstbewusste junge Frauen werden.“

Veit habe individuell Zuwendung geleistet und zugleich die gesellschaftlichen Bedingungen im Blick gehabt. „Ich treffe meine Option für die Probleme der Masse“, habe sie für sich entschieden. „Veit stellte sich auf die Seite derer, die arm und ausgeschlossen sind, die Leid und Gewalt erfahren haben und setzte sich für deren soziale Sicherheit ein.“ An ihrer Schule habe Veit die Schülermitverwaltung (SMV) mitbegründet und vermutlich auch die später Vertrauenslehrer genannte Funktion.

„Ich kann nicht beten, wenn ich mich nicht für Benachteiligte einsetze“

Als Mitinitiatorin des Politischen Nachgebets an der Antoniterkirche habe Veit ebenso in die Stadt hineingewirkt. Das dort erstmals 1968 veranstaltete Nachtgebet habe politische Rückfragen an die Bibel gestellt. Armut und andere brennende gesellschaftliche Herausforderungen seien im Nachtgebet in Beziehung zur Bibel gesetzt worden. Man habe überlegt, was für die Menschen heute entscheidend sei. „Gebet auf der einen, politisches Engagement auf der anderen Seite.“ Veit habe erklärt, dass man nicht beten könne, wenn man nicht wisse, was in der Welt passiere. „Ich kann nicht beten, wenn ich mich nicht für Benachteiligte einsetze.“ Sie habe einen direkten Zusammenhang gesehen und gefordert: „Seid aktive Christen, dann könnt ihr auch beten.“

„Sie haben uns Marie Veit noch viel lebendiger vor Augen gestellt“, bedankte sich Kristina Heß abschließend bei Orth. Vom Scheidt freute sich über „den anderen Religionsunterricht“. Er ermutigte, die Hoffnungsbotschaft von Veit weiter in die Welt zu tragen. „Bleibt in der guten Tradition verhaftet, Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger zu sein.“

Text: Engelbert Broich/APK
Foto(s): Engelbert Broich/APK