Nikolaus (geb. ca. 270 – gest. 6. Dezember 326)
Nikolaus von Myra, sein Gedenktag ist sein Todestag am 6. Dezember, wurde zu einem der populärsten Heiligen der frühen Kirche. Um ihn ranken sich zahlreiche Legenden und ein reiches Brauchtum hat sich mit seiner Gestalt verknüpft. Zum Beispiel: „Heut ist Nikolaus Abend da!“ und kleine und nicht mehr so kleine Kinder freuen sich – etwa auf Süßigkeiten, wenn in der Nacht plötzlich die Schuhe mit Schokolade gefüllt sind.
Nikolaus 1969
Da sitze ich nun in einer Gastwirtschaft im Ruhrgebiet und erwarte den Nikolaus. Ich bin 8 Jahre alt und der Nikolaus könnte mir heute eine Tüte mit Süßigkeiten bringen. Prall gefüllt, hoffe ich. Wie alle Kinder aus der Nachbarschaft, die auch hier in der Stadtteilkneipe sind und warten.
Vor den Süßigkeiten aber muss gezittert werden. „Bin ich überhaupt einer solchen Tüte würdig?“ „Oder werde ich vom Assistenten des Nikolaus („Knecht Ruprecht“, er ist ganz in schwarz gekleidet und wird hier in der Kneipe „Hans Muff“ genannt!) in den großen mitgeführten Sack gesteckt? Finsternis statt Schokolade?“ Im letzten Jahr hat ein Bein aus dem Sack herausgelugt!
Der Nikolaus weiß immer offenbar alles, was die Kinder über‘s Jahr so gemacht haben. Das steht in seinem Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf seinem Tisch liegt.
Der Nikolaus, groß und ernsthaft, steht nun mit aufgeschlagenem Buch und ruft die Kinder heran.
Aus dem Buch liest er die Sünden der Kinder jetzt laut vor.
Ich muss vortreten und höre: „Jost, du bummelst immer so bei den Hausaufgaben!“
Woher der Nikolaus das nur weiß?

Um mein Hausaufgaben-Defizit auszugleichen, muss ich ein Gedicht aufsagen. Das schaffe ich. Die Mutter hat es mich, als hätte sie den Auftritt geahnt, seit Tagen immer wieder abgefragt.
Endlich, eine gefühlte Ewigkeit später, drückt der Nikolaus mir gegen das Versprechen, dass ich im nächsten Jahr alles besser mache, die Papiertüte mit Süßigkeiten in die Hand. Ich darf an den Tisch zurücktaumeln, an dem die Mutter wartet.
Nikolaus 2025
Jedes Jahr im Dezember erinnere ich mich an dieses Kapitel „Pädagogik“ aus meiner Kindheit.
Vor ein paar Jahren wurde ich selbst gefragt, ob ich in der Grundschule meiner eigenen Kinder den Nikolaus geben wolle. Ich solle die Kinder ermahnen, den Eltern zu gehorchen, dann sollte ich Süßigkeiten verteilen.
Von Zweifeln geplagt, übernahm ich die Aufgaben, ließ aber Ermahnungen an die Kinder weg.
Das gefiel den Erwachsenen aber nicht. Der Nikolaus müsse auch streng sein – so wurde mir im Anschluss gesagt. Die Pädagogik meiner Kindheit war auch mit der Jahrtausendwende noch nicht untergegangen.
Ich frage mich und die geneigten Leser*innen dieser Zeilen:
- Was treibt Eltern, Kinder zu ängstigen?
- Wie viel seelische Grausamkeit geben wir unreflektiert weiter an die nächste Generation?
- Wie verhindere ich, dass religiöse Geschichten moralinsauer werden?
- Welche befreienden Geschichten sollten wir Kindern stattdessen erzählen?
Advent ist eine Bußzeit. Zeit zum Nachdenken. Eigentlich. Zugegeben: vor lauter Glühweinständen und Schoko-Nikoläusen kann das schon mal vergessen werden.
Wir könnten die Adventszeit aber nutzen, um Fragen nachzuhängen, welches religiöse – adventlich – weihnachtliche Brauchtum wir an die nächste Generation weitergeben wollen.
Der Weihnachtsbaum glänzte dann vielleicht heller.
Ganz sicher aber der Stern über Bethlehem, der über dem dort geborenen Kind leuchtet.
Das Kind erlöste uns später auch von der Knechtschaft menschlicher Moralvorstellungen und den Sündenregistern populärer Nikoläuse.
Jost Klausmeier-Saß
